Articles

Alter schützt vor Sucht nicht

 

Ich habe vier Jahrzehnte meine Eltern in der Seniorenwohn­anlage der Köster-Stiftung be­sucht. Während dieser Zeit ist mir nichts in Bezug auf sucht­abhängige Menschen aufgefal­len. Das ist nicht ungewöhnlich - Sucht kann sich gut verste­cken, sogar über lange Zeit, bis sie sichtbar wird.

Wolfgang Lütjens, Landesvorsitzender der Ham­burger Guttempler

Aus meiner ehrenamtlichen Tätigkeit weiß ich, dass ambulante und statio­näre Pflegedienste zunehmend mit diesem Phänomen zu tun haben. Sie klagen darüber, dass die Generation 60+ verstärkt in die Abhängigkeit von Alkohol und Medikamenten (Schlaf­tabletten, Benzodiazepinen) gerät. Wie mag es erst hei den allein leben­den Menschen aussehen, die noch nicht vom Pflegedienst besucht wer­den? Ich denke, dass die persönliche Not dort wegen der fehlenden An­sprechpartner noch größer ist. Ge­meinsam ist allen Betroffenen aber das Schamgefühl, andere Menschen wie Ärzte, Pastoren, Schwestern oder auch Ämter oder Beratungsstellen um Hilfe zu bitten. In Deutschland sind nach Expertenmeinung mittlerweile 400.000 Menschen über 60 Jahre suchtkrank. Wir reden hier nicht vom Glas Rot­wein oder zwei Bierchen am Tag!

Alarmierend: Die Zahl der Senioren mit Suchtproblemen nimmt stetig zu

Welche Gründe mögen dafür vorliegen? An erster Stelle die Einsamkeit, der Verlust des Partners, aber auch familiäre Konflikte, andere Vorstellung vom dritten Lebensabschnitt, die eingeschränkte Mobilität, häufige Todesfälle im Familien- und Freundeskreis, ein fehlendes Hobby und schließlich das Gefühl, nicht mehr gebraucht zu werden. All das hinterlässt eine Leere im Inneren, die gefüllt werden muss, im wahrsten Sinne des Wortes ­zuletzt kommt das Wort „Sucht" von „suchen".

Besonders Frauen kaufen sich rezeptfreie Medikamente aus der Apotheke, die zwar kurzfristig helfen, bei unkontrolliertem Gebrauch aber körperliche oder seelische Abhängigkeit hervorrufen. Für Freunde, Nachbarn, Enkel und die eigenen Kinder ist es schwer auszuhalten, wenn sie ihre Eltern oder Freunde immer wieder aufgrund von Alkoholproblemen hilf los und betrunken antreffen. Auch die Pflegekräfte finden es belastend mit ansehen zu müssen, wenn der liebgewonnene Patient regelmäßig mehr trinkt als er verträgt.

Das Bundesministerium für Gesundheit fördert zurzeit ein Projekt mit dem Ziel, Fachkräfte in der Alten- und in der Suchthilfe zu sensibilisieren und zu qualifizieren. Sie werden angeleitet, voneinander zu lernen, damit beide Fachrichtungen älteren Menschen mit Suchtproblemen gemeinsam besser helfen können.

Ich hatte kürzlich ein Gespräch mit einer Großmutter, die erst „aufwach­te", als ihr die Tochter klar machte: Wenn du weiter Weinbrand trinkst, dann dürfen dich die Enkel nicht mehr

besuchen! Daraufhin suchte die Frau eine Suchtberatungsstelle auf und fand wenig später bei der AWO einen ehrenamtlichen Job, der ihr Freude macht. Die Dame besucht nun einmal in der Woche eine Gruppe der Guttempler. Viele Menschen dort hatten früher ebenfalls ein Suchtproblem. Mit ihren positiven und negativen Erfahrungen können sie sich jetzt gegensei­tig helfen. So eine Selbsthilfe­gruppe ist für jeden Menschen, der  ein Problem bei sich erkannt hat und eine Lösung sucht, eine lohnenswerte Mög­lichkeit. Die Erfolgsaussichten sind bei Älteren sogar größer als bei Jüngeren.

Was ist das Revolutionäre an der Guttempler-Idee?

Seit 1893 bis heute sehen Guttempler Alkoholismus als Krankheit an, so wie es auch 1968 das. Bundessozialgericht entschied. Einer Krankheit tritt man mit einer anderen Einstellung gegenü­ber als einem Laster. Die Gemeinschaft verzichtet auf belehrende oder ermah­nende Worte. Nicht die Einschränkung der Sucht, sondern der völlige Ver­zicht auf den Konsum wird angestrebt. Ein weiterer Guttempler-Grundsatz: Die Familie des Suchtkranken ist ein­zubeziehen. Die Hilfe hat sich seit der Gründung der Guttempler ausgewei­tet. Sie umfasst heute neben Alkoho­lismus auch andere Süchte wie z.B. Spiel- oder Medikamentensucht.

Quelle: „Köster-Magazin“